Q-R-T landet in Erlangen

Im Rahmen des Internationalen Comic-Salons Erlangen werden Ferdinand Lutz und ich gleich zweimal unsere BildKlangLesung „Q-R-T: Der neue Nachbar“ aufführen: Am 28. und 29. Mai in der Ladengalerie Altstadtmarkt.

Weitere Informationen zu den Veranstaltungen gibt es unter Termine sowie beim Reprodukt-Verlag.

Als kleinen musikalischen Vorgeschmack auf die Lesung habe ich eine eher spannende Passage des Soundtracks hochgeladen:

»Q-R-T: Der neue Nachbar« – Comiclesung mit Ferdinand Lutz

QRT-TourAb Februar werde ich meinen langjährigen Freund Ferdinand Lutz bei mehreren Comic-Lesungen begleiten: Wir bringen Passagen aus seinem ersten Buch »Q-R-T: Der neue Nachbar« zur Aufführung!

»Q-R-T sieht aus wie ein ganz normaler Junge, ist aber schon 122 Jahre alt. Er kommt von einem fernen Planeten, auf dem man sein Leben lang Kind bleibt. Auf der Erde nun möchte Q-R-T die Menschen und ihr seltsames Verhalten studieren. Mit seinem tollpatschigen Haustier Flummi, das jede beliebige Gestalt annehmen kann, zieht er in eine Plattenbausiedlung, umringt von neugierigen Nachbarn. Zum Glück halten die Erdlinge ihn für ein Kind – wenn auch für ein etwas merkwürdiges.«

Ich freue mich sehr darauf, die Erlebnisse des kindlichen Außerirdischen für große und kleine Besucher*innen zum Leben zu erwecken. Dazu werden wir nicht nur die Bilder des Comics zeigen und hörspielartig – mit einigen Live-Effekten – vorlesen, sondern auch kleine Trickfilme, stimmungsvolle Zwischenmusik und ein Lied zum Mitsingen präsentieren.

Bisher stehen Termine in Frankfurt a.M., Köln und Leipzig fest – hier gibt es eine Übersicht.

Die von mir komponierte, eingespielte und produzierte „Q-R-T“-Titelmelodie könnt ihr euch hier anhören:

Musik!

Monate sind ins Land gezogen, und da es einiges zu bloggen gäbe, wird es hier vielleicht auch bald wieder lebendiger. Doch heute möchte ich nur zwei kurze musikalische Fragmente teilen, die ich in den letzten Tagen mit meinem neuen Equipment aufgenommen habe:

„Secondo“ und „Tertio“ sind kaum mehr als aufnahmetechnische Fingerübungen, erfreuen aber vielleicht dennoch das ein oder andere Ohr. Alle zu hörenden Instrumente sind echt, nur die Effekte kommen aus dem PC.

 

Über Feedback freue ich mich!

Einführungskurs zur Gewaltfreien Kommunikation am 29.08. in Koblenz

»Tue, was du liebst, und du wirst nie wieder arbeiten.«

Um andere Menschen dabei zu unterstützen, bieten wir einen Workshop zur Gewaltfreien Kommunikation (GfK) nach Marshall Rosenberg an!

Wir (Holger, Simeon und Dominik) sind in gesellschaftlichen Machtstrukturen aufgewachsen… und als wir sprechen gelernt haben, da haben wir es in der Sprache des Systems gelernt. Inzwischen ist uns bewusst, dass diese Sprache auch unsere innere Haltung beeinflusst hat.

Wie ist es bei dir?

Uns selbst zu befreien und Veränderungen in unserem Umfeld zu bewirken, hängt für uns daher auch mit einer Veränderung in unserer Sprache und der inneren Haltung zusammen.

Wir laden euch zu einem kostenfreien Workshop am Samstag, 29. August, in Koblenz ein. Dabei wollen wir wieder mehr den Menschen, seine Gefühle und das, was ihm wichtig ist, in den Fokus rücken.

Wenn du teilnehmen möchtest, dann schreibe bis zum 21.08.2015 eine Mail an kommunikationsgefaehrten@gmx.de, damit wir ein wenig planen können. Gerne dazu auch einige Infos, ob und wenn ja welche Erfahrungen du schon mit der GfK gemacht hast.

Bitte kümmere dich selbst um deine Verpflegung an diesem Tag. In der KHG gibt es eine Küche, in der Speisen gekühlt oder erwärmt werden können usw.

Für das Seminar freuen wir uns über eine freiwillige Spende.

Mit großer Vorfreude
Holger, Simeon und Dominik

Zwischen »Ich« und »Wir« – Zur Individualität in Beziehungen

Vor einigen Monaten schrieb ich hier über die Liebe als Brücke zwischen zwei Menschen, die sich letztlich ihrer existenziellen Einsamkeit nicht entziehen können. Seitdem beschäftige ich mich intensiv mit der Frage, wie eine solche Brücke tragfähig wird und bleibt, wie also das Miteinander in (Liebes-)Beziehungen gelingen kann.

Auf der Suche nach Antworten bin ich auf einige psychologische bzw. therapeutische Ansätze gestoßen, deren Studium mich sehr weitergebracht hat:

  • Peter Lausters (1980) grundsätzliche Überlegungen zur menschlichen Liebe,
  • Marshall Rosenbergs (2001) Modell der Gewaltfreien Kommunikation,
  • David Schnarchs (2009) sexualtherapeutische Herangehensweise und
  • Michael Lukas Moellers (1987) Methode des wesentlichen Beziehungsgesprächs.

All diese Modelle eint in meinen Augen, dass sie als Gelingensbedingung für eine hohe Qualität zwischenmenschlicher Beziehungen die grundlegende Auseinandersetzung des Einzelnen mit sich selbst ansehen. Darauf möchte ich in diesem Beitrag näher eingehen.

Ein funktionierendes »Wir« braucht ein differenziertes »Ich«

Entgegen der Hoffnung vieler Menschen, eine Liebesbeziehung könne sie ›retten‹ oder ›komplettieren‹, sind bereichernde Beziehungen auf selbstbestimmte Persönlichkeiten angewiesen. Keine tragfähige Brücke ohne stabile Pfeiler!

Das Zusammensein mit einem geliebten Menschen entlastet uns nicht von der Aufgabe, fest auf eigenen Beinen zu stehen: Es geht darum, sich selbst kennen zu lernen, erworbene Glaubenssätze und Verhaltensmuster kritisch zu hinterfragen und Verantwortung für die eigenen Gefühle, Bedürfnisse und Handlungen zu übernehmen. David Schnarch (2009) bezeichnet die individuelle Bewältigung dieser Entwicklungsaufgaben als Differenzierung.

In diesem Prozess entwickeln wir – mit den Worten der Gewaltfreien Kommunikation (vgl. Rosenberg 2001) – angemessene Strategien für die Befriedigung unserer Bedürfnisse, ohne uns von bestimmten Handlungen, Personen oder Strukturen abhängig zu machen. Nur so können wir die Balance zwischen Individualität und Miteinander halten.

Beziehungen können persönliche Entwicklung verhindern

In engen Beziehungen besteht jedoch die Gefahr, den Weg zur Selbstbestimmung zu verlassen: Wenn wir nicht aufpassen, nehmen wir die Regulierung unserer Unsicherheiten nicht (mehr) als persönliche Entwicklungsaufgabe wahr, sondern projizieren diese ›Probleme‹ – unbewusst – auf unser Gegenüber bzw. auf unsere Partnerschaft. David Schnarch spricht von »emotionaler Verschmelzung«, die sowohl das Wachstum des jeweiligen »Ich« als auch die gemeinsame Entfaltung des »Wir« verhindert.

Auf das Bild der ›Beziehungsbrücke‹ bezogen: Wenn wir die Brücke wackeln sehen, vermuten wir oft einen falsch konstruierten Pfeiler auf der anderen Seite, anstatt unsere eigene Instabilität zu bemerken. Wir verdrängen dann unsere Aufgabe zur Differenzierung und wünschen uns stattdessen, die andere Person möge sich verändern.

Das macht sich besonders in unserer Kommunikation bemerkbar: Wir bleiben nicht bei uns selbst und unseren Gefühlen, sondern machen unserem Gegenüber Vorwürfe und Vorschriften, bewerten sein Verhalten, üben Macht und Kontrolle aus oder behaupten die Wahrheit. Michael Lukas Moeller (1987) fasst diese Taktiken unter dem treffenden Begriff »Kolonialisieren« zusammen und geht davon aus, dass hinter ihnen stets eigene Schuldgefühle, Verletzungen und Ängste stehen.

Die Alternative: Sich – selbst und gegenseitig – verstehen

Wie können wir einer solchen destruktiven Beziehungsdynamik vorbeugen? Wie wird bzw. bleibt unsere (Liebes-)Beziehung ein lustvolles, zwang- und erwartungsloses Zusammenspiel unabhängiger Individuen, die sich gegenseitig verstehen, anerkennen und bereichern (vgl. Lauster 1980)?

Michael Lukas Moeller hat mit dem Zwiegespräch eine Methode entwickelt, die es Paaren ermöglichen soll, die individuelle und gemeinsame Entwicklung zu reflektieren. »Sich lieben heißt vor allem: sich verstehen«, sagt er und schlägt einen Kommunikationsrahmen vor, in dem sich die Partner*innen austauschen, aber dabei ausschließlich bei sich und ihren eigenen Gedanken, Gefühlen und Bedürfnissen bleiben.

Im Zuge dieser ehrlichen Selbstoffenbarung werden bestenfalls all die individuellen Entwicklungsaufgaben deutlich, die einem vermeintlichen ›Beziehungsproblem‹ zugrunde liegen. Es entsteht eine Klarheit, die ein großes Veränderungspotenzial birgt: Das wechselseitige Verständnis kann zum Nährboden für konstruktive Dialoge werden, in denen die Anliegen und Gefühle der Beteiligten anerkannt werden und die zu konsensualen Entscheidungen über Veränderungen auf der Handlungsebene führen.

Verständnis im Gespräch ist der erste Schritt zur Veränderung

So erscheinen mir die Gefühle und Handlungen meines Gegenübers auf einmal viel verständlicher, wenn ich mich darum bemühe, die Welt aus seiner Perspektive zu sehen. Ich begreife, dass mein*e Partner*in zwar teilweise Strategien bevorzugt, die mir fremd sind, aber damit vollkommen nachvollziehbare Bedürfnisse zu befriedigen sucht.

Gleichzeitig realisiere ich im Zuge meiner Selbstkundgabe, dass auch meine Handlungen nicht alternativlos sind: Es gäbe auch andere Möglichkeiten, um meine Bedürfnisse zu befriedigen – ich müsste sie nur zu entwickeln bereit sein. Diese Erkenntnis kann mich ermutigen, meine eigene Differenzierung vorantreiben, anstatt zu hoffen (oder gar zu verlangen), dass sich mein Gegenüber verändert.

Im Zwiegespräch wird deutlich, dass alles, was ich an mir, meinem Gegenüber und unserem Miteinander emotional ablehne, eine tiefer liegende Ursache in mir selbst hat und damit eine unbearbeitete Entwicklungsaufgabe ist. Diese individuelle Aufgabe kann ich entweder weiterhin leugnen bzw. wegschieben – oder aber als Einladung zu innerem Wachstum wertschätzen und individuell bearbeiten.

Beziehungsarbeit ist Selbstentwicklung – und umgekehrt!

Folglich ist die einzige Stellschraube für gelingende Beziehungen die eigene Entwicklung – Wer das »Wir« verbessern möchte, kann ausschließlich am »Ich« arbeiten.

Diese Erkenntnis mag trivial klingen, wird aber im zwischenmenschlichen Alltag oft vergessen. In Konfliktsituationen erscheint es uns oft einfacher, die ›Probleme‹ der Anderen zu sehen und Ratschläge oder Vorwürfe zu verteilen. Stattdessen Verantwortung für das eigene Innere zu übernehmen, stellt augenscheinlich für die meisten Menschen – mich eingeschlossen – immer wieder einen Kraftakt dar.

Umso wertvoller ist die Erfahrung, auf dem Weg der persönlichen Differenzierung nicht alleine zu sein, sondern sich von einem (oder mehreren) lieben Menschen begleitet zu wissen. Eine (Liebes-)Beziehung bietet hervorragende Rahmenbedingungen für individuelle Entwicklungsprozesse und den Austausch darüber. Die Differenzierung meines Gegenübers mitzuerleben, kann ebenso ein Geschenk sein wie das Gefühl, mit all meinen Ängsten und vermeintlichen Schwächen verstanden und angenommen zu werden.

Gemeinsam lässt sich also viel von- und miteinander lernen – auch und gerade dann, wenn es den Partner*innen zeitweise noch nicht gelingt, in der Beziehung sowohl aufeinander bezogen als auch ganz bei sich zu sein. Hauptsache, es wird darüber gesprochen!

Literatur

Jeux Dramatiques – Was ist das?

Die Jeux Dramatiques sind eine theaterpädagogische Methode, die vom französischen Pädagogen Léon Chancerel begründet und u. a. von Heidi Frei und der Arbeitsgemeinschaft Jeux Dramatiques Deutschland im deutschsprachigen Raum als Ausdrucksspiel aus dem Erleben weiterentwickelt wurde.

Anlässlich meines bald stattfindenden Seminars möchte ich in dem folgenden Beitrag die zentralen Aspekte der Jeux vorstellen. Der Text basiert auf Teilen meiner in den letzten Jahren verfassten Seminarunterlagen.

Die Jeux als spielerischer Ausdruck des eigenen Erlebens

Für ihren Begründer Léon Chancerel (1936, zit. n. AG Jeux Dramatiques 1999: 10) waren die Jeux Dramatiques

»Spiele, welche die Möglichkeit in sich schließen, durch Bewegung und Gebärde persönliche Gefühle und Beobachtungen auszudrücken«.

Folglich geht es im Ausdrucksspiel um die Entdeckung und Entfaltung individueller schöpferischer Fähigkeiten im spontanen, spielerischen Ausdruck persönlichen Empfindens und innerer Bilder (vgl. AG Jeux Dramatiques 1999; Frei 1990).

Der Grundschulpädagoge Bernd Reinhoffer (1997: 242 f.) sieht in den Jeux Dramatiques

»ein Tun, das auf Gegenwart und Intensität ausgerichtet ist. Sie ermöglichen lebendige Begegnung und suchen die vertiefte Auseinandersetzung mit Texten und Personen. So öffnen sie einen Erfahrungsraum für Sinn stiftendes Lernen«.

Im Laufe der (Weiter-)Entwicklung des Ausdrucksspiels haben sich verschiedene Spielvarianten entwickelt. Die ›klassische‹ Form ist das Spiel zu einem erzählten bzw. vorgelesenen Text; als Spielimpulse können aber auch Musik, Gegenstände oder Symbole dienen. Ebenfalls üblich sind Freie Spiele, die aus den individuellen Wünschen und Impulsen der Teilnehmenden heraus entwickelt werden und auf keiner Vorlage basieren (vgl. Frei 1990: 13–46; AG Jeux Dramatiques 1999: 17–25; Seidl-Hofbauer 2009: 16–19).

Ein freies Spiel innerhalb klarer Regeln

Um eine ungezwungene Spiel-Atmosphäre zu schaffen, die individuelle Entfaltung und bereichernde Begegnungen ermöglicht, den Spielenden aber auch Sicherheit gibt, ist im Ausdrucksspiel ein fester Rahmen erforderlich. Von der Arbeitsgemeinschaft Jeux Dramatiques (1999: 14) wurden die folgenden allgemeinen Regeln vorgeschlagen:

  1. Jede*r kann sich Zeit lassen, mit der eigenen Stimmung in Kontakt zu kommen.
  2. Jede*r kann sich die eigene Rolle selbst aussuchen.
  3. Jede*r spielt vor allem für sich selbst.
  4. Jede*r spielt so, wie sie*er sich fühlt.
  5. Jede*r respektiert den Freiraum ihrer*seiner Mitspieler.
  6. Jede*r darf Zuschauer*in sein, wenn sie*er aus irgendwelchen Gründen nicht mitspielen kann.

Eine zentrale Spielregel ist darüber hinaus, dass von den Spielenden keine Wortsprache verwendet wird. Außerdem kann im Spiel jederzeit ein spontanes ›Stopp‹-Signal gesendet werden, wenn individuelle Grenzen verletzt zu werden drohen (vgl. Reinhoffer 1997: 248 f.).

Zur Struktur des Ausdrucksspiels

Der Ablauf der Jeux orientiert sich an dem von Heidi Frei entwickelten ›R-S-P-V-Zirkel‹; strukturiert wird demnach das Spiel durch »Rohstoff«, »Spielvorbereitung«, »Praktische Durchführung« und »Verarbeitung« (vgl. im Folgenden Frei 1990: 49–53; AG Jeux Dramatiques 1999: 26–37; Seidl-Hofbauer 2009: 10–14):

1. Rohstoff

Grundlage und Ausgangspunkt jedes Spiels sind einerseits die Bedürfnisse und Wünsche der Spielenden (»innerer Rohstoff«), andererseits ein wie auch immer gearteter Spielimpuls (»äußerer Rohstoff«, bspw. eine Geschichte, ein Gedicht oder ein Bild). Letzterer wirft im besten Fall Themen auf, die für die Spieler*innen bedeutungsvoll und inspirierend sind.

2. Spielvorbereitung

Aufbauend auf dem Rohstoff bereiten sich die Teilnehmenden gemeinsam auf das Spiel vor. Zunächst wählen sie ihre individuelle Rollen und Spielplätze (spielen lässt sich alles: Personen, Tiere, Pflanzen, Naturgewalten, Gegenstände, Räume, Gefühle, Symbole, Musik, Geräusche, …). Danach ist Zeit für die Verkleidung mit farbigen Tüchern und kleineren Requisiten, außerdem werden die verschiedenen Plätze im Raum hergerichtet. Die Spielvorbereitung schließt ab mit einer Vorstellungsrunde aller Spieler*innen, in der diese ihre persönlichen Spielwünsche äußern können.

3. Praktische Durchführung

Mit einem Klangzeichen beginnt das Spiel, das durch die Spielleitung und ihre Darbietung des Spielimpulses/Rohstoffs begleitet wird. Die Spieler*innen müssen weder Texte sprechen noch Regieanweisungen befolgen, sondern können ihre Rolle intuitiv und selbstbestimmt, durch körperlichen und auch lautlichen Ausdruck ausdrücken. Die Spielleitung achtet dabei einerseits auf die Einhaltung des klaren Rahmens, während sie andererseits auch genau hinsieht und Impulse der Spielgruppe in der sprachlichen Begleitung aufgreift. Am Ende des Spiels ertönt erneut das Klangzeichen.

4. Verarbeitung

Nach dem Spiel darf jede Person das individuell Erlebte in einer abschließenden Runde den anderen mitteilen – spontan und aus der Rolle heraus. Eine Kommentierung oder gar Wertung dieser Reflexion durch die Mitspieler*innen findet nicht statt, wenngleich auch ein Austausch über gegenseitige (angenehme wie unangenehme) Begegnungen oder die Interpretation des Rohstoffs möglich ist.

Wirkungen der Jeux Dramatiques

Das Ausdrucksspiel ist kein pädagogischer Ansatz, der ein manifestes, möglichst messbares didaktisches Ziel verfolgt. Vielmehr geht es darum, offene Räume zu schaffen, in denen der »Intellekt ausspannen und sich erholen« (AG Jeux Dramatiques 1999: 8) darf:

»Die Jeux Dramatiques sind keine Methode, die systematisch angewendet wird, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, sondern ein Weg, die individuellen Ausdrucksmöglichkeiten zu entdecken und zu fördern« (ebd.: 13)

Leider liegen bislang kaum empirischen Studien zur Wirkung der Jeux Dramatiques auf die Spielenden vor. Erfahrungsberichte weisen aber auf das große persönlichkeitsbildende Potenzial der Methode hin – u. a. im Bezug auf das Erlernen eines achtsamen Umgangs mit Gefühlen, die Entwicklung von Konfliktlösestrategien oder sogar das Verinnerlichen von Sachinhalten (vgl. Seidl-Hofbauer 2009).

Daher wird die Methode in der pädagogischen Arbeit mit unterschiedlichsten Personengruppen eingesetzt; so z. B. bei Familienfreizeiten, im Kindergarten und in der Schule, mit behinderten Menschen oder in der Erwachsenenbildung.

Literatur

Spiel dich frei im freien Spiel – Ein Tag mit den Jeux Dramatiques

Am Samstag, dem 9. Mai 2015, biete ich in Koblenz ein Tagesseminar zu den Jeux Dramatiques, dem Ausdrucksspiel aus dem Erleben, an. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen!

Wir spielen zusammen – ohne Drehbuch, ohne Sprache, ohne Publikum! Das »Ausdrucksspiel aus dem Erleben« (»Jeux Dramatiques«) ist ein theaterpädagogischer Ansatz, der auf die freie Entfaltung unserer schöpferischen Fähigkeiten zielt. Mithilfe bunter Tücher schlüpfen wir in eine Rolle und drücken unser Empfinden spontan und kreativ aus – inspiriert durch Geschichten, Musik oder unsere Phantasie. Schauspielerisches Talent ist unnötig, Spielfreude reicht!

Das Seminar richtet sich an alle, die das Ausdrucksspiel – auch als Möglichkeit für die pädagogische Arbeit mit heterogenen Gruppen – kennen lernen und ausprobieren möchten. Neben einer kurzen theoretischen Einführung wird die Methode vor allem praktisch erprobt.

Das Seminar findet von 10:00 bis 16:00 Uhr in der Katholischen Hochschulgemeinde (Rheinau 12, 56075 Koblenz-Oberwerth) statt. Die Teilnahme ist kostenlos! Es wird eine einstündige Mittagspause geben (Selbstverpflegung).

Bitte sendet eine Anmeldung bis zum 1. Mai an jeux@freitonspiel.de.

Beste Empfehlungen (9)

Weil alle Regeln eine Ausnahme brauchen, gibt’s diesen Monat mal nur vier Links. Passt auch besser zum April.

(1) Medien: Seit Monaten genieße ich die wöchentlich erscheinenden Videos der US-amerikanischen TV-Show »Last Week Tonight«. Deren Host John Oliver und sein Team schaffen es, auf den ersten Blick langweilige politische Themen humorvoll und kritisch auf den Punkt zu bringen. Derartig bissige und ernsthafte – und dabei schreiend komische – ›Comedy‹, die eigentlich permanent an der Grenze zum Enthüllungsjournalismus operiert, würde ich mir auch für den deutschsprachigen Raum wünschen. Einen Großteil der Sendung kann man auf dem YouTube-Channel von »Last Week Tonight« anschauen.

(2) Politik: Die Journalistinnen Stefanie Gromes, Katrin Hafemann und Frida Thurm haben für ZEIT Online und den NDR die deutsche Femen-Bewegung beleuchtet. Während in einer Fernsehdokumentation die Aktivistinnen in Berlin begleitet werden, setzt sich ein Artikel recht kritisch mit dem Konzept der feministischen Gruppe auseinander.

(3) Engagement: Wer sich für Flüchtlinge in Deutschland einsetzen möchte, findet in dem hervorragenden Blog »Wie kann ich helfen?« der Journalistin Birte Vogel eine Vielzahl an Ideen und Best-Practice-Beispielen.

(4) Musik: Sollte es den Begriff »Instrument Porn« noch nicht geben – für dieses Video aus den schwedischen Roth-Händle-Studios müsste er erfunden werden. Produzent und Klangtüftler Mattias Olsson (Ex-»Änglagård«) und die Musiker von »Anima Morte« geben darin einen wunderschön anzusehenden und -hörenden Einblick in ihre Musikproduktion.

Es geht nicht um Gedichtanalysen oder Finanzthemen, sondern um Lernfreiheit!

Anfang des Jahres machte ein Tweet im Netz Furore: Die Gymnasiastin Naina äußerte sich lakonisch über den Umstand, dass sie als fast 18-Jährige nichts über Steuern, Miete oder Versicherungen wisse, dafür aber Gedichte analysieren könne – »In 4 Sprachen«. Was sie damit ausdrücken wollte, erscheint klar: In der Schule habe ich nicht das gelernt, was ich für mein Leben brauche.

Diese Kritik führte zu einer überraschend großen Debatte über die Frage, welche Kompetenzen die Schule vermitteln solle. Unter anderem wurde von den Beteiligten dabei der Lyrikunterricht verteidigt, über den Wert zweckfreier Bildung philosophiert, die Forderung nach umfassenden inhaltlichen Reformen aufgestellt oder der Wunsch nach mehr Praxisnähe kritisiert. Alle von mir rezipierten Reaktionen eint jedoch – trotz ihrer Kontroversität – die Zielperspektive, das Schulcurriculum gemäß bestimmter Maßstäbe zu beeinflussen.

Ich möchte nun diesem Konsens in der – für Netzthemen bereits uralten – Diskussion eine alternative Sichtweise hinzufügen, die mir in den Sinn kam, als ich über die Haltung der Gewaltfreien Kommunikation nachdachte. Kernelement jenes Konflikt- und Kommunikationsmodells nach Marshall B. Rosenberg ist die Unterscheidung von »Strategien« und »Bedürfnissen«:

Exkurs: Zur Unterscheidung von Bedürfnissen und Strategien

Jedes menschliche Handeln kann mensch als Ausdruck elementarer Bedürfnisse verstehen, die abstrakt, positiv und universell sind und somit alle Menschen miteinander verbinden; beispielsweise Autonomie, Nahrung, Freude, Gemeinschaft oder Frieden.

Um ihre Bedürfnisse zu erfüllen, wählen Menschen ständig – bewusst oder unbewusst – Strategien, also Handlungsweisen, die sehr vielfältig sein können. So können sich Menschen beispielsweise das Bedürfnis nach Erholung erfüllen, indem sie einen Städteurlaub machen, meditieren, in einer Punkband spielen, Fernsehen gucken oder oder oder.

Es kann hilfreich für das Verständnis anderer Menschen sein, ihre Handlungen, Aussagen oder auch Vorwürfe nicht sofort zu bewerten, sondern zunächst wertschätzend als individuelle Strategien zu betrachten, hinter denen sich legitime Bedürfnisse verstecken. Wenn ich diese Bedürfnisse erst einmal erkannt habe, erscheinen die damit verbundenen Strategien nicht mehr alternativlos, sondern individuell diskutiert- und veränderbar – es gibt meist unzählige Wege, die zum Ziel eines erfüllten Bedürfnisses führen können.

Eine bedürfnisorientierte Sicht auf Nainas Tweet

Vor dem Hintergrund dieser Unterscheidung möchte ich Nainas Kritik untersuchen; was mich dabei vor allem interessiert, sind die Bedürfnisse, die möglicherweise hinter ihrem Tweet stecken. Denn auf den ersten Blick drückt dieser ja lediglich den impliziten Wunsch nach einer bestimmten Strategie aus: Die Vermittlung von Informationen über Steuern, Miete und Versicherungen (anstelle von Fremdsprachenunterricht und Gedichtanalyse). Interessant wäre nun, zu erfahren, was Nainas eigentliches Anliegen ist. Was steckt hinter ihrer Ablehnung von Gedichtinterpretationen in vier Sprachen? Warum wünscht sie sich offensichtlich die schulische Vorbereitung auf das Ausfüllen einer Steuererklärung?

Die Antworten auf diese Fragen kann ich nur mutmaßen: Zum einen ist vorstellbar, dass Naina gerade jene alternativen Unterrichtsinhalte wählt, weil sie sich von dem Wissen darüber Sicherheit oder Klarheit im Bezug auf die Anforderungen ihres weiteren Lebens erhofft. Insofern sind »Steuern, Miete und Versicherungen« als schulische Themen eine für sie persönlich nahe liegende Strategie – die aber nicht unbedingt für andere Schüler*innen passen muss.

Gleichzeitig halte ich es für plausibel, dass es der jungen Frau auch um ihr Bedürfnis nach Autonomie geht. Naina möchte ganz generell selbst darüber entscheiden können, was sie lernt. Und dieses Anliegen ist absolut verständlich und verbindet sie mit ihren Mitschüler*innen: Sie ist – wie jeder Mensch – von ihrer Geburt an die uneingeschränkte Expertin für sich und ihre Bedürfnisse und Strategien gewesen. Sie weiß selbst am besten, dass – und warum – sie derzeit an Versicherungsverträgen stärker interessiert ist als an dem Erlernen einer dritten Fremdsprache.

Das Problem: Naina darf nicht über ihr Lernen entscheiden

Dennoch muss Naina am Ende ihrer Schullaufbahn offensichtlich feststellen, dass sie ihre Lernziele sowie die Wege dorthin nicht selber festlegen durfte, sondern gesetzlich vorgeschriebene Inhalte und Methoden übernehmen musste. Das Bildungssystem hat für sie und ihre Mitschüler*innen ganz bestimmte Strategien ausgewählt, die sie erlernen soll, um für ihre Bedürfnisse zu sorgen – obwohl es auch ganz andere Möglichkeiten gäbe:

Das Bedürfnis nach Lernen könnte in der Schule auch, je nach persönlichem Interesse, durch Fächer wie »Ethnologie«, »Astronomie« oder »Medizin« erfüllt werden (nicht nur durch »Erdkunde« oder »Physik«), das Bedürfnis nach Kreativität auch durch das Drehen von Filmen (nicht nur durch Musikerziehung oder »Bildende Kunst«), das Bedürfnis nach Gemeinschaft auch durch Peer Groups (nicht nur durch festgelegte Altersklassen), das Bedürfnis nach Struktur auch durch Konsensdemokratie (nicht nur durch Fremdbestimmung) usw.

Insofern rüttelt Nainas Tweet an den Grundfesten unseres Bildungssystems. Er macht deutlich, dass die Schule es versäumt, junge Menschen dabei zu unterstützen, die ihnen gemäßen Wege zu einem glücklichen Leben zu finden. Unser Bildungssystem schaut nicht auf die Bedürfnisse der einzelnen Menschen, sondern ist durch Struktur und Lehrpläne auf bestimmte Strategien fixiert. Ganz gleich, wie viele Menschen bei der Festlegung dieser Strategien – d. h. bei der gesetzlichen Steuerung des Curriculums – mitwirken: Schlussendlich bleibt die Individualität der Einzelnen auf der Strecke, wenn Lerninhalte und -wege zentral vorgegeben werden.

Die Alternative: Schule als Ort der Lernfreiheit

Dabei wäre es so viel einfacher und sinnvoller, wenn Menschen einfach selber entscheiden könnten, anhand welcher Themen sie ihrem Bedürfnis nach Lernen nachgehen – ob durch die Auseinandersetzung mit dem Mietrecht oder durch eine Gedichtanalyse.

Schule könnte ein Ort sein, in dem junge Menschen in Ruhe einen Zugang zu ihren Bedürfnissen finden und dann genau die Strategien zur Erfüllung wählen können, die für sie persönlich passen – natürlich unter der Voraussetzung, dass sie sich im Einklang mit den Bedürfnissen ihrer Mitmenschen befinden.

Wie schade, dass diese Utopie im derzeitigen System so weit entfernt scheint.

PS 1: An einer organisationstheoretischen Antwort auf die Frage, warum das Bildungssystem nicht auf die menschliche Individualität eingehen kann, versuche ich mich in meinem Artikel »Schule als gesellschaftlicher Machtapparat«.

PS 2: Über bereits bestehende Praxisansätze zur Ermöglichung größerer Lernfreiheit in der Schule, beispielsweise den radikal offenen Unterricht, werde ich hier sicherlich zukünftig auch noch schreiben.

PS 3: Eine etwas ausführlichere Erläuterung ihres Tweets gibt Naina bei ZEIT Online. Ich finde darin – nachträglich – meine Vermutung bezüglich ihres tief liegenden Bedürfnisses nach Autonomie durchaus bestätigt, besonders in ihrer Aussage »Und das wünscht man sich ja, alt sein und sagen: Ich habe alles gemacht, was ich machen wollte«.