Die Einsamkeit der Einzelnen – und die Liebe

Allgemein
22. September 2014

Aus Erfahrung weiß ich, dass ich selbst vergleichsweise gut damit zurecht komme, für einige Zeit alleine zu sein; ja, dass ich manchmal sogar die kurzzeitige Einsamkeit suche, weil sie mir – in Maßen – wohltut. Das Alleinsein schätze ich als intensives Für-mich-Sein; als Zeit, in der ich mir, meinen Gefühlen, Gedanken und Bedürfnissen, die volle Aufmerksamkeit schenken kann.

Eine Freundin bezeichnete mich vor Jahren mal als »selbstgenügsam«, wobei unklar blieb, ob das als Kompliment oder als Vorwurf gemeint war. Ich finde dieses Wort gar nicht so schlecht, um diesen Teil meiner Persönlichkeit zu beschreiben. Immer wieder Pausen vom sozialen Leben machen zu dürfen, mir für einige Zeit selbst genug zu sein, gibt mir das Gefühl von Unabhängigkeit, von Selbstbestimmung und Freiheit.

Allein- und Miteinander-Sein gehen Hand in Hand

Dabei ist mir vollkommen klar, dass individuelle Freiheit grundsätzlich nicht zu denken ist ohne soziale Bezogenheit, wie die von mir hochgeschätzte Antje Schrupp immer wieder betont:

»Worum es uns geht, das ist die Einsicht in die eigene Bedürftigkeit, die eigene Abhängigkeit. Denn nur wer diesen Standort einnimmt, wird die Fülle der wahren Freiheit entdecken, die das ›Bezugsgewebe der menschlichen Angelegenheiten‹ bereithält. […] Bedürftigkeit und Abhängigkeit sind nämlich nicht menschliche Besonderheiten, die von der ›normalen‹ Autonomie abweichen und daher mit Freiheit tendenziell in Konflikt stehen. Sondern sie sind im Gegenteil die Voraussetzungen für Freiheit: Frei sein können wir, weil wir von anderen bereits Fürsorge und Zuwendung bekommen haben.« (Schrupp 2012)

Auch mir sind erfüllende Beziehungen auf verschiedenen Ebenen unglaublich wichtig, und die Vorstellung von Freiheit als einer langfristigen Abgeschiedenheit von der Gemeinschaft erscheint mir unerträglich (worüber ich bereits hier nachgedacht habe). Daher ist für mich das Allein-Klarkommen auch eng mit dem Gemeinsam-Sein verbunden: Nur wenn ich mit mir im Reinen bin, kann ich eine wirkliche Bereicherung für die Gemeinschaft sein – Und nur wenn ich in der Gemeinschaft gute Beziehungserfahrungen mache, kann ich mich selbst ganz und gar annehmen.

Letztlich sind wir alle einsam

Unabhängig von diesem Spannungsfeld zwischen Alleinsein und Miteinandersein wird mir allerdings auch immer bewusster, dass es eine ganz grundsätzliche, existenzielle Einsamkeit jedes einzelnen Menschen gibt, die nicht überwunden werden kann. Egal, wie eng unser soziales Netz geknüpft ist, wie sorgfältig wir unsere Beziehungen pflegen, wie lange und intensiv wir uns unterhalten oder wie sehr wir uns durch Formalia an andere Menschen binden – letztlich ist jede*r von uns ganz allein auf dieser Welt. Dass uns diese Erkenntnis meist nur in dunklen Stunden gewahr wird, macht sie nicht weniger schauerlich: Niemand versteht uns wirklich bis ins Innerste, keine*r ist uns ganz nah und weilt immer an unserer Seite – außer uns selbst.

Viele Menschen bringen an dieser Stelle »Gott« ins Spiel. Ich kann das nicht, weil es mir nicht gelingt, der Erkenntnis meiner existenziellen Einsamkeit mit Hilfe der Vorstellung eines übernatürlichen Wesens entgegen zu treten. Daher versuche ich, das grundsätzliche Alleinsein als Prämisse meines Lebens zu akzeptieren und mich darüber zu freuen, dass es mir trotzdem immer wieder möglich ist, dies zu vergessen, wenn ich im guten Kontakt zu meiner Umwelt stehe. Der Soziologe Hartmut Rosa bezeichnet diese Verbindung mit der Welt als »Resonanz«:

»Es kann von außen kommen, zum Beispiel durch Menschen, die etwas Besonderes ausstrahlen […] Das Resonanzmoment kann aber auch von innen kommen, wenn mich eine Emotion bewegt, ich gewissermaßen einen Draht zur Welt spüre und das Gefühl habe: Ich kann da draußen was erreichen! Resonanz meint also einen Zustand, in dem ich mich berührt oder bewegt fühle, aber zugleich auch die Erfahrung mache, selbst etwas oder jemanden berühren oder bewegen zu können. Interessanterweise fühlt man sich gerade dann am ehesten im Einklang mit sich selbst.« (Rosa 2014)

Und was vermag nun die Liebe?

Auch wenn mir die Erkenntnis meiner existenziellen Einsamkeit dank solcher Resonanz-Erfahrungen nicht immer bewusst sein mag; sie verändert doch den Ausgangspunkt meines Lebens und meines Denkens. Besonders betrifft dies natürlich meine Überlegungen zu menschlichen (Liebes-)Beziehungen. Was bedeutet es für das Miteinander, wenn unsere individuelle Einsamkeit besiegelt zu sein scheint?

Als ich Hermann Hesses »Knulp« im Nachklang meiner Barfußwanderung mal wieder zur Hand nahm, fand ich darin eine Passage, die sich dieser Frage auf wunderbare Weise widmet: In einem philosophischen Gespräch mit seinem Begleiter bringt der Landstreicher Knulp seine schmerzliche Erfahrung zum Ausdruck, »daß zwischen zwei Menschen, sie seien noch so eng verbunden, immer ein Abgrund offen bleibt, den nur die Liebe und auch die nur von Stunde zu Stunde mit einem Notsteg überbrücken kann« (Hesse 1988: 65). Zur Verdeutlichung wählt Knulp ein starkes Bild, das vor einiger Zeit zufälliger Weise auch eine Freundin von mir aufbrachte, als wir über die Liebe diskutierten:

»Zwei Menschen können zueinander gehen, sie können miteinander reden und nah beieinander sein. Aber ihre Seelen sind wie Blumen, jede an ihrem Ort angewurzelt, und keine kann zu der anderen kommen, sonst müßte sie ihre Wurzel verlassen, und das kann sie eben nicht.« (Hesse 1988: 72 f.)

Die Vorstellung von Liebe als einem »Notsteg«, der für kurze Zeit den Abgrund zwischen zwei Individuen (»Blumen«) überbrückt, mag zwar unromantisch anmuten – sie ist aber tröstlich in Zeiten, in denen man die eigene existenzielle Einsamkeit besonders stark spürt. Außerdem hilft sie, ein Bild menschlicher Beziehungen zu zeichnen, das ungleich besser zur Realität passt als so manches – romantisches – Disney-Ideal.

Mir helfen diese Gedanken dabei, mich von bestimmten sozialen Erwartungen zu befreien: Indem ich mir meines grundsätzlichen und unüberwindbaren Alleinseins bewusst bin, entlaste ich andere Menschen – und vor allem die Liebe – von der Verantwortung, mir diese Einsamkeit zu nehmen. Dies ist keineswegs eine Absage an soziale Bezogenheit, sondern an die Vorstellung, in der Beziehung die eigene Persönlichkeit mit der einer anderen Person verschmelzen lassen zu können.

Gleichzeitig arbeite ich daran, meine eigenen Wurzeln zu stärken, indem ich das Alleinsein als Zeit für mich kultiviere – und bin dankbar für jeden Augenblick der gemeinschaftlichen Resonanz, der mich meine existenzielle Einsamkeit vergessen lässt.

Literatur

  • Hesse, Hermann (1988): Knulp. Drei Geschichten aus dem Leben Knulps. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

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