Jeux Dramatiques – Was ist das?

Allgemein
17. April 2015

Die Jeux Dramatiques sind eine theaterpädagogische Methode, die vom französischen Pädagogen Léon Chancerel begründet und u. a. von Heidi Frei und der Arbeitsgemeinschaft Jeux Dramatiques Deutschland im deutschsprachigen Raum als Ausdrucksspiel aus dem Erleben weiterentwickelt wurde.

Die Jeux als spielerischer Ausdruck des eigenen Erlebens

Für ihren Begründer Léon Chancerel (1936, zit. n. AG Jeux Dramatiques 1999: 10) waren die Jeux Dramatiques

»Spiele, welche die Möglichkeit in sich schließen, durch Bewegung und Gebärde persönliche Gefühle und Beobachtungen auszudrücken«.

Folglich geht es im Ausdrucksspiel um die Entdeckung und Entfaltung individueller schöpferischer Fähigkeiten im spontanen, spielerischen Ausdruck persönlichen Empfindens und innerer Bilder (vgl. AG Jeux Dramatiques 1999; Frei 1990).

Der Grundschulpädagoge Bernd Reinhoffer (1997: 242 f.) sieht in den Jeux Dramatiques

»ein Tun, das auf Gegenwart und Intensität ausgerichtet ist. Sie ermöglichen lebendige Begegnung und suchen die vertiefte Auseinandersetzung mit Texten und Personen. So öffnen sie einen Erfahrungsraum für Sinn stiftendes Lernen«.

Im Laufe der (Weiter-)Entwicklung des Ausdrucksspiels haben sich verschiedene Spielvarianten entwickelt. Die ›klassische‹ Form ist das Spiel zu einem erzählten bzw. vorgelesenen Text; als Spielimpulse können aber auch Musik, Gegenstände oder Symbole dienen. Ebenfalls üblich sind Freie Spiele, die aus den individuellen Wünschen und Impulsen der Teilnehmenden heraus entwickelt werden und auf keiner Vorlage basieren (vgl. Frei 1990: 13–46; AG Jeux Dramatiques 1999: 17–25; Seidl-Hofbauer 2009: 16–19).

Ein freies Spiel innerhalb klarer Regeln

Um eine ungezwungene Spiel-Atmosphäre zu schaffen, die individuelle Entfaltung und bereichernde Begegnungen ermöglicht, den Spielenden aber auch Sicherheit gibt, ist im Ausdrucksspiel ein fester Rahmen erforderlich. Von der Arbeitsgemeinschaft Jeux Dramatiques (1999: 14) wurden die folgenden allgemeinen Regeln vorgeschlagen:

Jede*r kann sich Zeit lassen, mit der eigenen Stimmung in Kontakt zu kommen.
Jede*r kann sich die eigene Rolle selbst aussuchen.
Jede*r spielt vor allem für sich selbst.
Jede*r spielt so, wie sie*er sich fühlt.
Jede*r respektiert den Freiraum ihrer*seiner Mitspieler.
Jede*r darf Zuschauer*in sein, wenn sie*er aus irgendwelchen Gründen nicht mitspielen kann.

Eine zentrale Spielregel ist darüber hinaus, dass von den Spielenden keine Wortsprache verwendet wird. Außerdem kann im Spiel jederzeit ein spontanes ›Stopp‹-Signal gesendet werden, wenn individuelle Grenzen verletzt zu werden drohen (vgl. Reinhoffer 1997: 248 f.).

Zur Struktur des Ausdrucksspiels

Der Ablauf der Jeux orientiert sich an dem von Heidi Frei entwickelten ›R-S-P-V-Zirkel‹; strukturiert wird demnach das Spiel durch »Rohstoff«, »Spielvorbereitung«, »Praktische Durchführung« und »Verarbeitung« (vgl. im Folgenden Frei 1990: 49–53; AG Jeux Dramatiques 1999: 26–37; Seidl-Hofbauer 2009: 10–14):

1. Rohstoff

Grundlage und Ausgangspunkt jedes Spiels sind einerseits die Bedürfnisse und Wünsche der Spielenden (»innerer Rohstoff«), andererseits ein wie auch immer gearteter Spielimpuls (»äußerer Rohstoff«, bspw. eine Geschichte, ein Gedicht oder ein Bild). Letzterer wirft im besten Fall Themen auf, die für die Spieler*innen bedeutungsvoll und inspirierend sind.

2. Spielvorbereitung

Aufbauend auf dem Rohstoff bereiten sich die Teilnehmenden gemeinsam auf das Spiel vor. Zunächst wählen sie ihre individuelle Rollen und Spielplätze (spielen lässt sich alles: Personen, Tiere, Pflanzen, Naturgewalten, Gegenstände, Räume, Gefühle, Symbole, Musik, Geräusche, …). Danach ist Zeit für die Verkleidung mit farbigen Tüchern und kleineren Requisiten, außerdem werden die verschiedenen Plätze im Raum hergerichtet. Die Spielvorbereitung schließt ab mit einer Vorstellungsrunde aller Spieler*innen, in der diese ihre persönlichen Spielwünsche äußern können.

3. Praktische Durchführung

Mit einem Klangzeichen beginnt das Spiel, das durch die Spielleitung und ihre Darbietung des Spielimpulses/Rohstoffs begleitet wird. Die Spieler*innen müssen weder Texte sprechen noch Regieanweisungen befolgen, sondern können ihre Rolle intuitiv und selbstbestimmt, durch körperlichen und auch lautlichen Ausdruck ausdrücken. Die Spielleitung achtet dabei einerseits auf die Einhaltung des klaren Rahmens, während sie andererseits auch genau hinsieht und Impulse der Spielgruppe in der sprachlichen Begleitung aufgreift. Am Ende des Spiels ertönt erneut das Klangzeichen.

4. Verarbeitung

Nach dem Spiel darf jede Person das individuell Erlebte in einer abschließenden Runde den anderen mitteilen – spontan und aus der Rolle heraus. Eine Kommentierung oder gar Wertung dieser Reflexion durch die Mitspieler*innen findet nicht statt, wenngleich auch ein Austausch über gegenseitige (angenehme wie unangenehme) Begegnungen oder die Interpretation des Rohstoffs möglich ist.

Wirkungen der Jeux Dramatiques

Das Ausdrucksspiel ist kein pädagogischer Ansatz, der ein manifestes, möglichst messbares didaktisches Ziel verfolgt. Vielmehr geht es darum, offene Räume zu schaffen, in denen der »Intellekt ausspannen und sich erholen« (AG Jeux Dramatiques 1999: 8) darf:

»Die Jeux Dramatiques sind keine Methode, die systematisch angewendet wird, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, sondern ein Weg, die individuellen Ausdrucksmöglichkeiten zu entdecken und zu fördern« (ebd.: 13)

Leider liegen bislang kaum empirischen Studien zur Wirkung der Jeux Dramatiques auf die Spielenden vor. Erfahrungsberichte weisen aber auf das große persönlichkeitsbildende Potenzial der Methode hin – u. a. im Bezug auf das Erlernen eines achtsamen Umgangs mit Gefühlen, die Entwicklung von Konfliktlösestrategien oder sogar das Verinnerlichen von Sachinhalten (vgl. Seidl-Hofbauer 2009).

Daher wird die Methode in der pädagogischen Arbeit mit unterschiedlichsten Personengruppen eingesetzt; so z. B. bei Familienfreizeiten, im Kindergarten und in der Schule, mit behinderten Menschen oder in der Erwachsenenbildung.

Literatur

  • AG Jeux Dramatiques (1999): Ausdrucks­spiel aus dem Erleben 1. Einführung – Methodik – Arbeitsblätter. 4. Auflage. Bern: Zytglogge.
  • Frei, Heidi (1990): Jeux Dramatiques mit Kindern 2. Ausdrucksspiel aus dem Erleben. Aufbaustrukturen – Arbeitsblätter – Spielideen. Bern: Zytglogge.
  • Reinhoffer, Bernd (1997). Das Spiel. In: E.-M. Bauer (Hg.): Mehr Lust am Lernen. Wege zu einer menschenfreundlichen Schule. Spirituelle Impulse. Praktische Übungen. Unterrichtsbeispiele. München: Kösel 1997, S. 238-254.
  • Seidl-Hofbauer, Marion (2009): Jeux Dramatiques in der Grundschule – Soziales Lernen durch das Ausdrucksspiel. 1. – 4. Klasse. Augsburg: Brigg Pädagogik.

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