Zwischen »Ich« und »Wir« – Zur Individualität in Beziehungen

Allgemein
16. Mai 2015

Vor einigen Monaten schrieb ich hier über die Liebe als Brücke zwischen zwei Menschen, die sich letztlich ihrer existenziellen Einsamkeit nicht entziehen können. Seitdem beschäftige ich mich intensiv mit der Frage, wie eine solche Brücke tragfähig wird und bleibt, wie also das Miteinander in (Liebes-)Beziehungen gelingen kann.

Auf der Suche nach Antworten bin ich auf einige psychologische bzw. therapeutische Ansätze gestoßen, deren Studium mich sehr weitergebracht hat:

  • Peter Lausters (1980) grundsätzliche Überlegungen zur menschlichen Liebe,
  • Marshall Rosenbergs (2001) Modell der Gewaltfreien Kommunikation,
  • David Schnarchs (2009) sexualtherapeutische Herangehensweise und
  • Michael Lukas Moellers (1987) Methode des wesentlichen Beziehungsgesprächs.

All diese Modelle eint in meinen Augen, dass sie als Gelingensbedingung für eine hohe Qualität zwischenmenschlicher Beziehungen die grundlegende Auseinandersetzung des Einzelnen mit sich selbst ansehen. Darauf möchte ich in diesem Beitrag näher eingehen.

Ein funktionierendes »Wir« braucht ein differenziertes »Ich«

Entgegen der Hoffnung vieler Menschen, eine Liebesbeziehung könne sie ›retten‹ oder ›komplettieren‹, sind bereichernde Beziehungen auf selbstbestimmte Persönlichkeiten angewiesen. Keine tragfähige Brücke ohne stabile Pfeiler!

Das Zusammensein mit einem geliebten Menschen entlastet uns nicht von der Aufgabe, fest auf eigenen Beinen zu stehen: Es geht darum, sich selbst kennen zu lernen, erworbene Glaubenssätze und Verhaltensmuster kritisch zu hinterfragen und Verantwortung für die eigenen Gefühle, Bedürfnisse und Handlungen zu übernehmen. David Schnarch (2009) bezeichnet die individuelle Bewältigung dieser Entwicklungsaufgaben als Differenzierung.

In diesem Prozess entwickeln wir – mit den Worten der Gewaltfreien Kommunikation (vgl. Rosenberg 2001) – angemessene Strategien für die Befriedigung unserer Bedürfnisse, ohne uns von bestimmten Handlungen, Personen oder Strukturen abhängig zu machen. Nur so können wir die Balance zwischen Individualität und Miteinander halten.

Beziehungen können persönliche Entwicklung verhindern

In engen Beziehungen besteht jedoch die Gefahr, den Weg zur Selbstbestimmung zu verlassen: Wenn wir nicht aufpassen, nehmen wir die Regulierung unserer Unsicherheiten nicht (mehr) als persönliche Entwicklungsaufgabe wahr, sondern projizieren diese ›Probleme‹ – unbewusst – auf unser Gegenüber bzw. auf unsere Partnerschaft. David Schnarch spricht von »emotionaler Verschmelzung«, die sowohl das Wachstum des jeweiligen »Ich« als auch die gemeinsame Entfaltung des »Wir« verhindert.

Auf das Bild der ›Beziehungsbrücke‹ bezogen: Wenn wir die Brücke wackeln sehen, vermuten wir oft einen falsch konstruierten Pfeiler auf der anderen Seite, anstatt unsere eigene Instabilität zu bemerken. Wir verdrängen dann unsere Aufgabe zur Differenzierung und wünschen uns stattdessen, die andere Person möge sich verändern.

Das macht sich besonders in unserer Kommunikation bemerkbar: Wir bleiben nicht bei uns selbst und unseren Gefühlen, sondern machen unserem Gegenüber Vorwürfe und Vorschriften, bewerten sein Verhalten, üben Macht und Kontrolle aus oder behaupten die Wahrheit. Michael Lukas Moeller (1987) fasst diese Taktiken unter dem treffenden Begriff »Kolonialisieren« zusammen und geht davon aus, dass hinter ihnen stets eigene Schuldgefühle, Verletzungen und Ängste stehen.

Die Alternative: Sich – selbst und gegenseitig – verstehen

Wie können wir einer solchen destruktiven Beziehungsdynamik vorbeugen? Wie wird bzw. bleibt unsere (Liebes-)Beziehung ein lustvolles, zwang- und erwartungsloses Zusammenspiel unabhängiger Individuen, die sich gegenseitig verstehen, anerkennen und bereichern (vgl. Lauster 1980)?

Michael Lukas Moeller hat mit dem Zwiegespräch eine Methode entwickelt, die es Paaren ermöglichen soll, die individuelle und gemeinsame Entwicklung zu reflektieren. »Sich lieben heißt vor allem: sich verstehen«, sagt er und schlägt einen Kommunikationsrahmen vor, in dem sich die Partner*innen austauschen, aber dabei ausschließlich bei sich und ihren eigenen Gedanken, Gefühlen und Bedürfnissen bleiben.

Im Zuge dieser ehrlichen Selbstoffenbarung werden bestenfalls all die individuellen Entwicklungsaufgaben deutlich, die einem vermeintlichen ›Beziehungsproblem‹ zugrunde liegen. Es entsteht eine Klarheit, die ein großes Veränderungspotenzial birgt: Das wechselseitige Verständnis kann zum Nährboden für konstruktive Dialoge werden, in denen die Anliegen und Gefühle der Beteiligten anerkannt werden und die zu konsensualen Entscheidungen über Veränderungen auf der Handlungsebene führen.
Verständnis im Gespräch ist der erste Schritt zur Veränderung

So erscheinen mir die Gefühle und Handlungen meines Gegenübers auf einmal viel verständlicher, wenn ich mich darum bemühe, die Welt aus seiner Perspektive zu sehen. Ich begreife, dass mein*e Partner*in zwar teilweise Strategien bevorzugt, die mir fremd sind, aber damit vollkommen nachvollziehbare Bedürfnisse zu befriedigen sucht.

Gleichzeitig realisiere ich im Zuge meiner Selbstkundgabe, dass auch meine Handlungen nicht alternativlos sind: Es gäbe auch andere Möglichkeiten, um meine Bedürfnisse zu befriedigen – ich müsste sie nur zu entwickeln bereit sein. Diese Erkenntnis kann mich ermutigen, meine eigene Differenzierung vorantreiben, anstatt zu hoffen (oder gar zu verlangen), dass sich mein Gegenüber verändert.

Im Zwiegespräch wird deutlich, dass alles, was ich an mir, meinem Gegenüber und unserem Miteinander emotional ablehne, eine tiefer liegende Ursache in mir selbst hat und damit eine unbearbeitete Entwicklungsaufgabe ist. Diese individuelle Aufgabe kann ich entweder weiterhin leugnen bzw. wegschieben – oder aber als Einladung zu innerem Wachstum wertschätzen und individuell bearbeiten.

Beziehungsarbeit ist Selbstentwicklung – und umgekehrt!

Folglich ist die einzige Stellschraube für gelingende Beziehungen die eigene Entwicklung – Wer das »Wir« verbessern möchte, kann ausschließlich am »Ich« arbeiten.

Diese Erkenntnis mag trivial klingen, wird aber im zwischenmenschlichen Alltag oft vergessen. In Konfliktsituationen erscheint es uns oft einfacher, die ›Probleme‹ der Anderen zu sehen und Ratschläge oder Vorwürfe zu verteilen. Stattdessen Verantwortung für das eigene Innere zu übernehmen, stellt augenscheinlich für die meisten Menschen – mich eingeschlossen – immer wieder einen Kraftakt dar.

Umso wertvoller ist die Erfahrung, auf dem Weg der persönlichen Differenzierung nicht alleine zu sein, sondern sich von einem (oder mehreren) lieben Menschen begleitet zu wissen. Eine (Liebes-)Beziehung bietet hervorragende Rahmenbedingungen für individuelle Entwicklungsprozesse und den Austausch darüber. Die Differenzierung meines Gegenübers mitzuerleben, kann ebenso ein Geschenk sein wie das Gefühl, mit all meinen Ängsten und vermeintlichen Schwächen verstanden und angenommen zu werden.

Gemeinsam lässt sich also viel von- und miteinander lernen – auch und gerade dann, wenn es den Partner*innen zeitweise noch nicht gelingt, in der Beziehung sowohl aufeinander bezogen als auch ganz bei sich zu sein. Hauptsache, es wird darüber gesprochen!

Literatur

  • Lauster, Peter (1980): Die Liebe. Psychologie eines Phänomens. Düsseldorf.
  • Moeller, Michael Lukas (1987): Die Wahrheit beginnt zu zweit. Das Paar im Gespräch. Reinbek bei Hamburg.
  • Rosenberg, Marshall B. (2001): Gewaltfreie Kommunikation. Paderborn.
  • Schnarch, David (2009): Die Psychologie sexueller Leidenschaft. München/Zürich.

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